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Wo begräbt man einen Nazi?
Als Daniel und Victoria van Beuningen zum ersten Mal ihr zukünftiges Zuhause besichtigten – eine Villa in einem ruhigen Vorort von Wrocław, deutsch Breslau –, stand das Gebäude schon seit Jahren leer, die Fensteröffnungen waren zugemauert. Doch …
Als Daniel und Victoria van Beuningen zum ersten Mal ihr zukünftiges Zuhause besichtigten – eine Villa in einem ruhigen Vorort von Wrocław, deutsch Breslau –, stand das Gebäude schon seit Jahren leer, die Fensteröffnungen waren zugemauert. Doch irgendetwas an dem überwucherten Grundstück sprach die beiden an. Sie konnten sich gut vorstellen, hier Hühner zu halten, Tomaten und Gurken zu ziehen. Daraus ließe sich etwas Schönes machen, die Kinder könnten im Garten toben und spielen.
Sie zogen in die Villa ein, wussten aber nur wenig über deren Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg, als Breslau noch zum Deutschen Reich gehörte; darüber, was sich dort in Kriegszeiten ereignet hatte, als die sowjetischen Streitkräfte die Stadt im Zuge der Schlacht um Breslau brutal belagerten; oder auch nur, was nach Kriegsende aus dem Haus wurde, als Hunderttausende Deutsche aus den nun polnischen Gebieten vertrieben wurden. In der Nachbarschaft war lediglich bekannt, dass sich in der Villa früher die Redaktion einer kommunistischen Zeitung befunden habe. Trotzdem wollten die van Beuningens Näheres erfahren, und ihre Nachforschungen brachten sie schließlich auf die Spur der Familie Meinecke in Heidelberg, deren Kinder sagten, sie seien in dem Haus geboren worden. Bei einem langen nachmittäglichen Treffen zeigten sie den van Beuningens Fotos der Villa aus fröhlicheren Zeiten vor dem Krieg, gaben dem Paar aber auch eine überraschende Warnung mit auf den Weg: Möglicherweise lägen im Garten die sterblichen Überreste von deutschen Soldaten begraben. Vielleicht nur ein paar, vielleicht mehr; man wisse es nicht genau.

Die Villa der van Beuningens in Polen – im Garten wurden über einhundert Tote exhumiert.Credit…Antoine d’Agata/Magnum, für die New York Times
Die van Beuningens waren sich zunächst unsicher, was sie von dieser Geschichte halten sollten, doch als Daniel van Beuningen bei Grabungsarbeiten für eine Wasserleitung einen Helm aus der Nazizeit zutage förderte, gewann sie an Glaubwürdigkeit. Ungefähr zur selben Zeit erreichte Victoria van Beuningen eine überraschende Nachricht von einem Archäologen. Was er zu sagen hatte, beunruhigtedas Paar noch mehr – er sei auf ein Dokument gestoßen, laut dem sich auf ihrem Grundstück ein ganzes »Kriegsgrab« befinde. Ob sie einer Untersuchung zustimmen würden? Vielleicht lag es am zeitlichen Zusammenspiel der Ereignisse, doch für die van Beuningens war klar, dass eine Absage nicht infrage kam.
Wie sich herausstellte, handelte der Archäologe im Auftrag einer deutschen Privatorganisation, die überwiegend von ehemaligen Militärs geleitet wird und in der Öffentlichkeit wenig präsent ist. Der Volksbund, wie der eingetragene Verein sich nennt, folgt einer ungewöhnlichen Mission: Er will die Gräber aller Deutschen ausfindig machen, die im Zuge der vielen deutschen Kriege auf ausländischem Boden starben, um den Toten ein richtiges Begräbnis zuteilwerden zu lassen, unabhängig von ihrer Identität und ihren Taten.
An einem kalten Tag im März 2023 macht sich ein Team des Volksbunds mit einem Bagger im Garten der van Beuningens an die Arbeit. Schon bald stoßen sie auf eine aufgewühlte Erdschicht, ein typisches Zeichen für darunterliegende Gräber. Um keine Knochen zu beschädigen, setzen die Archäologen ihre Arbeit mit Kellen und Pinseln fort.




